Ungeschminkt Frau – von Bettina Zumstein

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Ungeschminkt Frau – von Bettina Zumstein

Was wäre, wenn wir uns selbst als das Wunder betrachteten, welches wir tatsächlich sind? – Im Jahr 2015 wurde die Weltbevölkerung mit der unglaublichen Zahl von 7 Milliarden Menschen beziffert. Kein einziges Gesicht gleich dem anderen zu hundert Prozent. Wir sind alle von unumstösslicher Einzigartigkeit, wir sind alle auf unsere einmalige Art und Weise schön.

Was wäre, wenn wir uns mit mit dünnem, glattem oder krausem Haar oder mit dichten Locken annehmen wie wir sind. Was wäre, wenn wir die Schönheit mit einer markanten, großen oder schiefen Nase, mit Augenringen und schmalen Lippen, mit breitem Kiefer und mit Sommersprossen, mit Falten, Kanten und Ecken erkennen könnten. Was wäre, wenn wir die Schönheit in jedem von uns sehen und fühlen könnten und nichts mehr?

„Ich wusste gar nicht, dass meine Augen so viel Liebe ausstrahlen. Das hat mich tief berührt.“

Was wäre, wenn wir mit dem Vergleichen aufhören? Was wäre, wenn wir mit dem Blick in den Spiegel unsere Einzigartigkeit feiern würden? Was wäre, wenn wir dadurch auch die Schönheit der Frau, dem Menschen, der neben uns ist erkennen? Was wäre, wenn wir Schönheit bedingungslos anerkennen könnten? Ich bin mir sicher, es wäre wunderbar, wir würden das bare Wunder des Segens in uns erschauen. Wir alle sind ein wundervoller, einzigartiger Ausdruck einmaligen Seins und von großartiger Schönheit. Wir alle bereichern mit unserer Gegenwart die Vielfalt dieser Welt mit dem was ist.

„Ich war baff. Es wurde mir warm ums Herz und ich hatte von tief innen ein Lachen. Ja, das bin ich. Liebenswürdig und ungeschminkt. Kompliment, du hast mich geknipst wie ich mich auch sehe.“

Das waren meine Gedanke, die von meinem Herzen den Weg in meinen Kopf fanden, in jenem Moment der Stille im Mai 2015. Ohne Konzept, ohne fotografisch technisches Wissen, aber ausgestattet mit der Gabe für den Augenblick, wollte ich Frauen fotografieren, die ihre ungeschminkte Schönheit zeigen wollten. Echte, schöne, wahrhaftige, sonnige, leuchtende, faltige, jugendliche, charismatische, kantige, weiche, herbe, berührende, fröhliche, traurige, lachende Frauengesichter, unabhängig von Alter und Status, Körpergröße oder Gewicht. Es war jener Moment, als ich erkannte, dass ich von der Scheinwelt der faltenlosen Perfektion, der vorgegaukelten ewigen Jugend in überschminkten und retuschierten Gesichtern übersättigt war.

„Das Leben hinterlässt Spuren. Mal mehr – mal weniger. Das Leben hinterlässt Narben. Mal mehr – mal weniger. Narben in der Seele, die sich dann im Gesicht widerspiegeln.“

Ja, und so habe ich einen Aufruf auf Xing geschrieben ohne Erwartungen. Ich suche außergewöhnliche, „mutige“ Frauen und löste mit meinem Aufruf eine Welle aus, die bis heute rollt. Bereits im Oktober 2015 hatte ich über 120 wahrhaftige Frauengesichter fotografiert! Meine Idee verbreitete sich in Windeseile und ich bin unendlich dankbar für das bedingungslose Vertrauen und die grossartige Unterstützung, die ich von Frau zu Frau erfahre durfte. Ich bin tief berührt über jede Begegnung mit vielen und ausnahmslos aussergewöhnlichen und wunderschönen Frauen.

„Ich habe laut gelacht als ich mich sah, denn ein kleiner Schock war es schon, mich so ungeschminkt zu sehen. Vor allem als ich mich dann groß bis in alle Einzelteile, bis ins kleinste Frauenbarthaar und mit den Brillenträgerdellen erkennen musste. Von der dicken roten Nase mal abgesehen … Aber trotzdem schaute ich mich mit Wohlwollen an.“

 Die ungeschminkte Schönheit jeder einzelnen Frau hat mich sehr berührt. Ihr bedingungsloses Vertrauen in mich als Fotografin. Ich war von allen Frauen ausnahmslos bewegt. Die Aussagen, die ich von den Frauen über ihr eigenes Bild erhalten und erfahren habe, haben mich immer etwas tief in mir zum Erklingen gebracht. Diese gegenseitige Resonanz erfüllte mich mit grosser Dankbarkeit.

Mich faszinieren die Falten. Sehr sogar. Ich hatte das Glück eine über 94jährige Dame zu fotografieren. Sie war nahezu faltenlos. Ich konnte es fast nicht glauben. Und doch haben mich die faltenreichen Damen fast noch mehr angesprochen. Lebendigkeit pur. Falten finde ich persönlich für das Alter viel schöner und interessanter als eine glatte Haut. Trotz des hohen Alters habe ich bei der Antwort auf ihre Bilder immer noch eine Eitelkeit feststellen können. Das bleibt wohl bis zzuletzt.

„Nachdem ich die Bilder gesehen habe, denke ich, die Zeit ist gekommen, trotzdem zum Farbtopf zu greifen.“

Die jungen Frauen sind makellos, und dennoch stellte ich auch bei ihnen bereits Hemmungen, Unzufriedenheiten mit dem was ist fest. Für mich ist Schönheit im Augenblick und Ausdruck und Ausstrahlung im Gesicht im Moment von „tief unten“ sichtbar. Dieser „schöne“ Augenblick ist oft nur für Sekunden da…. Und wieder weg. Ein Gesicht, das lacht, ist nicht ein Gesicht, das schön ist. Das Lachen muss von der Seele her kommen. Die Frauen sind dann in sich tief berührt. Frauen beim Fotografieren in diesen Augenblick zu führen ist eine Kunst. Die Kunst des Fotografen.

„Nachdem ich mich viele Jahre nicht gemocht habe – schon gar nicht ungeschminkt – merke ich, dass nun eine andere Zeit gekommen ist. Mir gefällt, was ich sehe. Ich mag meinen echten Blick und meine Sommersprossen. Die Bilder zu betrachten ist wie eine Freundin anzuschauen, die ich kenne, aber gerade erst wirklich kennenlerne.“

Ich bin gelernte Floristin und Frauen sind für mich wie Blumen. Jede Blume, ob Rose oder Wiesenblume, ist einzigartig schön wie wir Frauen selbst. Schönheiten, die sich in allen Facetten bis hin zur Vergänglichkeit zeigen. Was passt besser zu uns Frauen, als diese vielschichtige, zarte, betörende, einzigartige und dereinst verblühende, sich ins Innere zurückziehende Schönheit der Blume? Neben meinen Fotografien sind deswegen meine Blumenbilder ein persönliches Dankeschön an alle Frauen dieser Welt. Blumen sind am Schönsten kurz vor ihrem Verblühen. Ist es mit der Weisheit und der Schönheit von uns Frauen nicht auch so? Umso reifer und weiser wir Frauen werden, umso schöner ist unser Ausdruck.

Aber was heißt ungeschminkt in Bezug auf Blumen? „Normalerweise gehe ich nicht ungeschminkt in den Garten. Obwohl es den Pflanzen natürlich egal ist, wie ich aussehe. Die interessieren sich eher für Kompost, Wasser, Sonne, die interessieren sich dafür, wie ich sie schneide, wann ich sie teile, wie ich sie beernte“ sagt Gartenspezialistin Sabine Reber. Aber erwarten wir nicht mitunter, dass die Pflanzen makellos daherblühen? Akzeptieren wir unsere Pflanzen auch so, wie sie sind, ungeschminkt? Halten wir die Rostflecken auf der Edelrose aus? Unser Verbesserungs- und Optimierungsdrang ist mühsam. Es ist mühsam, sich nicht so zu zeigen, wie man ist. Es ist anstrengend, so zu tun, als wäre man jemand anderer. Einfacher ist es, seine Schwächen zu zeigen, um seine Stärken zu wissen, lernbereit durch die Welt zu gehen und seinen Humor darüber zu bewahren, dass es immer jemand geben wird, der klüger, schöner, schlanker, fitter oder besser ist.

„Ich war berührt von diesen Bildern, mich von außen so zu sehen. Gefühle von Kraft, Friede und Ruhe durchströmten mich.“

Beim Fotografieren hatte ich wunderbare Begegnungen, wie einer liebenswerten 91-jährigen Dame, die ich zusammen mit ihrer Tochter im Altersheim kennenlernen durfte. Ich erfuhr, dass alle bereits von der Dame Abschied genommen hatten, weil sie fast gestorben wäre. Doch sie kam zurück, und ihre Augen sprühten bei meinem Besuch vor Liebenswürdigkeit und Leben. Wach saß sie da, und ich lauschte ihr.

Oder als ich zwei Freundinnen an einem lauen Sommerabend auf der Gasse in Baden fotografieren durfte. Wir kugelten uns vor Lachen und erlebten die innige Verbundenheit von Menschen, die ihr Dasein in all seinen ungeschminkten Ausdrucksformen zelebrieren.

„Natürlichkeit ist ein kostbares Gut, tausche sie nie ein.“

Wir haben uns genossen und uns nicht verglichen. Gefährlich allein ist der Vergleich. Das sagt so wunderschön Nina Konitzer, ehemalige Leiterin der Auszeiten-Oase-Chiemgau. Du bist nicht so wie die anderen. Du bist wundervoll. Aber nur, wenn du dich nicht von der Welt verschlingen lässt. Erlaube dir, in deinem eigenen Tempo zu gehen. Erlaube dir, DU zu sein, mit allem, was DICH ausmacht, mit allem, was du bist, mit allem, was du brauchst, um dich zu spüren. Du bist ein Geschenk für die Welt.

Bettina Zumstein, geboren 1968, ist gelernte Floristin. Sie ist ebenfalls Coach u.a. von The Work, Byron Katie sowie Meditationslehrerin und hat Menschen auf ihrem Lebensweg begleitet. Sie lebt mit ihren Kindern und ihrem Mann in Niederrohrdorf im Schweizer Kanton Aargau.

Bettina Zumstein hat sich immer für Frauen engagiert. Als Präsidentin des ‚Verein Mittagstisch‘ hat sie die Tagesstrukturen in Niederrohrdorf eingeführt mit der Integration eines Mittagstischs und der Ausweitung der Betreuung vor und nach der Schule. So haben die Frauen mit Kindern die Möglichkeit, einem Beruf nachzugehen. Darüber hinaus hat sie während der Schulzeit ihrer Kinder über elf Jahre für den Verein ‚Die Tagesfamilie‘ als Gesprächsbegleiterin der Tagesmütter gearbeitet.

 

Lesetipp:

Bettina Zumstein, Ungeschminkt Frau,

232 Seiten, 36,00 Euro

Sheema Medien

2017-05-02T15:12:43+00:00